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Aktuelle Texte in der Kategorie „Texte“ im fortlaufenden Blog, hier.

„Zwischen Wahlkabine und Bügelbrett – 90 Jahre Frauenwahlrecht in Deutschland“

Internet Dummy SPIEGEL

Mit Mediator Pro erstellter Internet-Dummy „SPIEGEL online“

Am 27. September 2009 sind 32 Millionen wahlberechtigte Frauen in der Bundesrepublik Deutschland – zwischen Koch- und Buntwäsche, zwischen Sonntagsbraten stopfen und Schulranzen kontrollieren – dazu aufgefordert, ihre demokratische Pflicht zu tun: Viele treten neben ihrem Mann an die Wahlurnen und stimmen über die Zusammensetzung des 17. Deutschen Bundestages ab, ganz so wie ihre Geschlechtsgenossinnen vor 90 Jahren bei der Wahl zur Deutschen Nationalversammlung zum ersten Mal.

Damals wie heute bespricht sich die kluge Frau zuvor mit ihrem Ehemann über die zu wählende Partei bzw. den zu bestimmenden Kandidaten. Denn: In politischen Fragen folgt Sie dem kompetenten Urteil von Ihm. In der Auswahl des richtigen Weichspülers vertraut Er der Erfahrung von Ihr. Einer der Grundpfeiler unserer Gesellschaft und Garant für den steten Fortschritt ist die Arbeitsteilung. Überträgt man dieses Erfolgsmodell auf die Ehe, so kommt man unweigerlich zu der soeben skizzieren Kompetenzverteilung. Wer könnte leugnen, dass die emotionale Natur der Frau nicht dazu geeignet ist, Politik objektiv zu bewerten? Männer sind nicht nur wegen ihrer Rationalität prädestiniert, auch ihre Fähigkeit, befristete Fehlentwicklungen stoisch auszusitzen, befähigt sie zur Teilnahme am politischen Karussell.

Doch eine berechtigte Frage ist seit über 90 Jahren unbeantwortet: Warum nur besitzen die Frauen überhaupt noch eine Stimme, wo sie doch sowieso exakt das Gleiche wählen, wie der Ehemann bzw. Vater, Bruder, Pastor, Briefträger – je nachdem, wer die nächste männliche Vertrauensperson darstellt – ?

Immer wieder bemühen sich zweifelhafte Kräfte der Bundesrepublik in dieser Diskussion um die Abschaffung des Frauenwahlrechts. Dabei sollte nahezu jedem Bundesbürger einleuchten, wie rückständig, frauenfeindlich und – was noch viel fataler ist – undemokratisch diese Forderung ist! Frauen mögen die komplizierten Verflechtungen der Politik in aller Regel nicht verstehen, doch was wäre das für eine Gesellschaft, die sich nur nach den geistigen Eliten richtet und das Wohl der bedauernswerten ungebildeten Teile der Bevölkerung unberücksichtigt lässt?

Es steht den männlichen Vertrauenspersonen zu, für die Frauen zu sprechen, die sich voller Glauben an sie wenden! Nichts desto trotz sollte über eine Simplifizierung des Wahlverfahrens nachgedacht werden: Wozu die Frauen aus ihren alltäglichen Aufgaben an die Wahlurne abkommandieren, wenn sie dort doch nur passiv ein Kreuzchen machen – sich auf dem komplizierten Wahlzettel in der Einsamkeit der Wahlkabine gar „verkreuzen“ – und den Rest des Tages der gestohlenen Zeit hinterherjagen? Für die Frauen wäre es eine große Erleichterung, könnten sie „ihre Stimme“ auf die oben bereits mehrfach erwähnte männliche Bezugsperson übertragen. So hätte also ein Ehemann doppeltes Stimmrecht und der verwitwete Vater von zwei volljährigen Töchtern ein dreifaches.

Einige politische Lager, die sich selbst als progressiv verstehen, versuchen die Bindung der Frau an die Politik durch Quoten bei der Vergabe von Parteiämtern künstlich herzustellen. Solcherlei Bestimmungen sind zugleich ungerechtfertigt – denn nur 30 Prozent aller 1,6 Millionen Parteimitglieder in Deutschland sind weiblich – und unnötig, betrachtet man die Zahlen des „Gender Datenreports“ des Bundesministeriums für Familie, Sonioren, Frauen und Jugend: Der Anteil der Frauen, die sich an der Wahl zum 15. Deutschen Bundestag beteiligt haben, lag mit 80 Prozent genauso hoch wie bei den Männern.

Das lässt nur eine Schlussfolgerung zu: Frauen werden auch in Zukunft verantwortungsvoll genug sein, am politischen Willensbildungsprozess teilzunehmen. Ganz sicher täten sie das aber mit viel größerer Begeisterung, könnten sie den lästigen Gang zum Wahllokal an eine Person ihres Vertrauens abtreten!

(Verfasst für die Veranstaltung „Geschichtsjournalismus“ Januar 2009)

zugZWANG #6 TelefonZWANG

Ich fühle mich SO gut, alles ist einfach derart bequem, dass mir fast die Augen zufallen. Ich habe ein ganzes ICE-Abteil (6 Komfortsitze Güteklasse „A“) nur für mich alleine. Die letzten Strahlen der Abendsonne treffen auf den Fensterplatz, auf dem ich es mir soeben gemütlich gemacht habe. Meine Beine liegen ausgestreckt auf der gegenüberliegenden Sitzbank. Mein Haupt bequemt sich in das ICE-Kuschelkissen am Kopfende. Ich bin im Begriff meine Kopfhörer an das ICE-Radio-System anzuschließen und mir von einer Säuselstimme eine Gute-Nacht-Geschichte ins Ohr flüstern zu lassen. Zusammengefasst: Ich könnte – selbst wenn ich wollte (Warum aber sollte ich?) – keinen einzigen Kritikpunkt an dieser DB-Reise finden. Zugegeben, es beginnt unheimlich zu werden. Aber, sei’s drum!

Doch selbst wenn der Angstgegner Deutsche Bahn momentan Friedensverhandlungen heuchelt, die kleinen Schlachten des Alltags muss man auch auf anderen Feldern führen. Und eines von diesen, hat mir vor ein paar Wochen – ohne wenn und aber – tatsächlich fast den letzten Nerv geraubt – meine Telefonanlage.

Alles begann an einem Sonntagabend. Den Hörer am Ohr, war ich mächtig vertieft in ein Gespräch mit meiner Freundin. Der Zähler auf dem Display zeige schon 32 Minuten, als wir jäh durch das vertraute Tuten des Besetztzeichens getrennt wurden. Nach einer Reihe von Handy-auf-Festnetz, Festnetz-auf-Handy und schließlich Handy-auf-Handy-Telefonversuchen stand fest, dass mein Anschluss defekt war. Kein Anruf kam rein, keiner ging raus. Ein Hardware-Fehler war nach meiner Laienmeinung und zehn weiteren Minuten auszuschließen. Ich gehöre zu den Leuten, die darauf hoffen, dass die Mehrzahl von Problemen sich am Ende von alleine lösen, ohne aufwendiges Zutun der eigenen Person. Das dachte ich auch in diesem Fall. „Erst mal ’ne Nacht drüber schlafen und dann läuft die Sache bestimmt wieder!“ Zehn Stunden später stand fest: Sie lief nicht! Ich fing an, in meinem AKKURAT geführten Haushaltsordner nach den Telefonunterlagen zu suchen. Unter dem Punkt „Entstörung“ (Mal ganz ehrlich: DAS ist doch kein Wort, oder?) fand sich schließlich eine Notfall-Nummer. Ich muss noch anführen, dass ich in einem Studentenwohnheim lebe und aus Gründen der Bequemlichkeit und sicher auch der Unwissenheit Kunde von Teleport bin. Da half mir dann der Telekom-Service, den ich über die Nummer erreichte, auch herzlich wenig. Die Frau am anderen Ende der Leitung in Was-weiß-ich-wo verstand gar nicht mein Problem. Sie wollte die „Anlage“ beschrieben haben und benutzte ständig das Wort „Octopus“. Ich weiß bis heute nicht, was sie von mir wollte. Ich hab das Gespräch dann nach ’ner viertel Stunde (nicht eingerechnet die viertel Stunde Warteschleife) abgebrochen. Auch weil mein Handy-Guthaben sich der kritischen Null-Marke näherte. Am Ende hatte sie noch gemeint, dass es ja kein Problem wäre, mir „jemanden“ vorbei zu schicken. Aber ich müsste die Kosten, im Falle dass das Problem auf meiner Seite läge, dann selber tragen. Was bitte wäre aber die Alternative? Entweder es liegt auf meiner Seite und dann muss ich wohl zahlen. Oder aber nicht, und das Problem wird gelöst, ohne dass ich löhnen muss. Wie auch immer. Ich entschloss mich dazu, persönlich beim Teleport-Service in der Steinfurter Straße vorzusprechen. Am nächsten Tag dort angekommen, lächelte mich ein knallgelbes Blatt mit der Aufschrift „Wir streiken!“ an. Und plötzlich fiel mir alles wieder ein. Die pinken Menschen in den TV-Nachrichten, die Pfiffe im Radio. „Mist“, dachte ich, „ausgerechnet jetzt!“ Mein nächster Weg führte mich zu einem Uni-Computer und damit ins schmerzlich vermisste Internet. Auf der Web-Side von Teleport flammte erneut das „Wir streiken!“-Schild auf. Ich überging es zähneknirschend und wuselte mich zu einer Online-Störungsmeldung durch. Problem beschrieben und abgeschickt. Keine zwölf Stunden später hatte ich auch schon eine Antwort: „Unser Service-Techniker wird mit Ihnen Kontakt aufnehmen!“ Es vergangen zwei Tage. Nichts passierte. Abermals ackerte ich mich durch die Teleportunterlagen und fand tatsächlich noch eine weitere Nummer. Dort angerufen, verstand man immerhin mein Problem und machte mir Mut: „Unser Service-Techniker wird mit Ihnen Kontakt aufnehmen!“ Nichts passierte. Mittlerweile machte ich mir über jedes geführte Telefonat eine Gesprächsnotiz. Und bei der nächsten Kontaktaufnahme konfrontierte ich meinen Gegenüber mit meinem Leidensweg UND: Ich verwendete das magische Wort „dringend“. Daraufhin stellte man mir eine bevorzugte Behandlung meines Problems in Aussicht. Zwei Stunden später – der Service-Techniker hatte sich bei mir gemeldet – war das Problem behoben. Die Leitung war wieder frei. Der Brummbär, namens Techniker erklärte mir, was das Problem verursacht hatte. Ich verstand kein Wort. Auch nicht, als ich mir seine Nachricht auf meinem AB zum dritten Mal anhörte. Merke: „Dringend“ kann zuweilen Wunder bewirken. Ich war – blauäugig wie ich bin – davon ausgegangen, dass jeder Störungsmeldung als eine „dringende“ behandelt wird.

(Veröffentlicht im Semesterspiegel Nr. 369)

zugZWANG #5

„Schreib’ doch mal etwas über die Verspätungen bei der Deutschen Bahn!“, lautete die einmütige Aufforderung meiner Kommilitonen. Also gut, schreib ich eben darüber:

Das rechte Ohr lauscht halbherzig den Ausführungen der Dozentin zu Papst Leo III. und Kaiser Karl dem Großen. Das linke Ohr konzentriert sich auf das Ticken der Armbanduhr. Auf ihr schleicht der Minutenzeiger der sechs entgegen. Als er sie endlich erreicht, stehe ich auf und stehle mich aus dem Saal. Diese Uniwoche wäre geschafft. Die letzte Viertelstunde meiner Vorlesung schenke ich mir. Ich habe es eilig. In 27 Minuten fährt mein Zug von Gleis 12 in Richtung Heimat. Den Bahnhof erreiche ich planmäßig, sogar früher als erwartet. In der Eingangshalle scanne ich die Tafel nach meiner Verbindung: „5 Minuten Verspätung“ – Das ist in Ordnung. Bleibt noch Zeit, eine Zeitung zu kaufen und in aller Ruhe zum Bahnsteig zu zotteln. Dort angekommen, staune ich über den IC, der dort bereits auf mich zu warten scheint. Der Blick auf die Anzeige gibt mir Recht: Das ist der InterCity nach Hamburg Altona. Trotzdem, irgendetwas ist faul. Der ganze Bahnsteig ist voll mit Leuten, die keine Anstalten machen, in den Zug zu steigen. Es liegt dieser ganz bestimmte Hauch von „Drama“ in der Luft, den man aus steckengebliebenen Fahrstühlen kennt. Ich quatsche den nächstbesten Herren an. Eine gute Wahl, er redet freudig drauf los. Er versichert mir, dass das der Zug nach Hamburg sei und dass es nun auch bald weitergehen solle. Wieso BALD? Meine Augen wandern noch einmal zur Anzeige: 14:57 Uhr! VIERZEHN? Aber ich warte doch auf den 15:57er! Das hier ist allem Anschein nach der Vorgängerzug, der schon fast eine einstündige Verspätung angehäuft hat. Meine Sinne haben mich nicht getäuscht. Es lag tatsächlich „Drama“ in der Luft, allerdings weniger ein Hauch, als viel mehr eine steife Brise. Ich laufe zurück zur Anzeigetafel der Eingangshalle. Vielleicht wird mein Zug auf ein anderes Gleis umgeleitet? Fehlanzeige. Stattdessen stehen hinter meiner Verbindung mittlerweile „15 Minuten Verspätung“. Also zurück zum Bahnsteig und warten. Der auskunftsfreudige Mann von vorhin kommt nochmals auf mich zu. Die Lok hat einen Schaden. Ein neuer Triebwagen wird gerade installiert. Es soll in Kürze weitergehen. Die „in Kürze“-Formulierung ist keine Überraschung. Dass der Mann nochmals auf mich zugekommen ist allerdings schon. Diese so ungewohnte Hilfsbereitschaft ist es, was „Drama“ so angenehm macht… Irgendwann ist der 14:57 Uhr-Zug dann doch weg. Und nach weiteren zehn Minuten sitze ich im richtigen, in meinem IC. Ich habe mich nicht von den neuen Anzeigen irritieren lassen, die den 19(!):57 Uhr-Zug nach Hamburg Altona bzw. den 15:57 Uhr-Zug nach Hamburg Alta(!)na ankündigten.

zugzwang#368

Illustration: Manuel Rodriguez

Am Hamburger Hauptbahnhof wird sich die Verspätung auf 40 Minuten summiert haben. Denn nach dem 14:57er und einem Entlastungszug, ist der meinige 15:57er der dritte in der Schlange, der an jedem Haltepunkt zum Warten gezwungen wird.

Wirklich sauer bin ich an jenem Tag nicht gewesen. Vielleicht lag es daran, dass ich ausnahmsweise keinen Anschlusszug erreichen musste. Vielleicht lag es an „Drama“. Vielleicht am netten Mann auf dem Bahnsteig. Oder aber ich habe zum erstem Mal live erlebt, wie es zu Verspätungen kommt. Durch technisches Versagen, durch menschliches Versagen, oder schlimmer: durch „Personenschäden“ (Das ist, wie mir mal ein Fahrgast erzählte, der DB-Code für Suizidversuche auf dem Gleis.). Sicher, die Bahn wirbt mit Pünktlichkeit und Comfort. Davon kann keine Rede sein, wenn man sich an kalten Herbsttagen auf zugigen Bahnhöfen die Beine in den Bauch steht. Sicher, die Bahn ist ein Dienstleistungsunternehmen mit Beförderungspflicht, die sie sich nicht zu knapp bezahlen lässt. Sicher ist aber auch: Verspätungen passieren nicht mutwillig und sind, wenn man mal ehrlich drüber nachdenkt, bei so vielen Einflussfaktoren gar nicht zu vermeiden. Und warum regen wir uns eigentlich immer so maßlos auf? Doch nur deshalb, weil wir den Beförderungsunternehmen VERTRAUEN. Wir vertrauen ihnen so sehr, dass wir uns gerade zu verraten fühlen, wenn irgendetwas mal nicht nach Plan läuft. Und woher kommt das Vertrauen? Das speist sich aus den 90 Prozent der Fälle, bei denen keine Verspätungen auftreten. Eigentlich auch schön, oder?

„Verspätungen bei der Deutschen Bahn“ – Daraus hätte man mehr machen können, vielleicht sogar machen sollen. Eine herzerweichende Geschichte von einem Mädchen, das einen Tag vor Heiligabend nach einer Odyssee des nachts auf einem Bahnhof strandete, zum Beispiel. Ich hätte auch von meiner Freundin berichten können, deren Zug 15 Minuten zu früh(!) abfuhr. Aber das wäre zu einfach gewesen. Zu voraussehbar und deshalb nur mäßig lesenswert. In dieser Frühlingsausgabe setzte ich stattdessen auf Annäherung. „Saures“… gibt’s beim nächsten Mal wieder!

(Veröffetnlicht im Semesterspiegel Nr. 368)

zugZWANG #4

impuls367

(Veröffentlicht im Semesterspiegel Nr. 367)

zugZWANG #3

Es ist gar nicht lange her, da wurde ich – ich als treue Kundin der Deutschen Bahn – in einer Online-Umfrage auf der Homepage der DB gefragt, ob ich ein „Berufspendler“ oder „Reisender aus privaten Gründen“ sei. Im Zweifelsfall wohl eher ersteres, dachte ich mir, obwohl sich das eine schwer vom anderen trennen lässt. Wie auch immer. Ich bin in der Statistik also als „Berufspendler“ erfasst. Und bei meiner letzten Reise ist mir endgültig klar geworden, was das mit sich bringt:

Ich fahre zu den Rushhour-Zeiten mit dem Zug. Freitagnacht oder an Montagen in aller Herrgottsfrühe. Und: Ich fahre nicht alleine, auch nicht in Gesellschaft, sondern in Enge und Gedränge. Aus all diesen Faktoren ergibt sich, dass die meisten Fahrgäste müde sind, weil sie unter Schlafentzug leiden und dementsprechend reizbar sind. Würde es ein Emotionsbarometer geben, dass den Gemütszustand der Reisenden misst, so würde es den stärksten Ausschlag in Richtung „Schlechte Laune“ in den kurzen Phasen des Haltens an den Bahnhöfen entlang der Strecke anzeigen. Und warum? Die Antwort versteckt sich hinter der Platzsuche der Zugestiegenen.

zugZWANG #3

Illustration: Manuel Rodriguez

Auf großen Bahnhöfen beginnt das Horrorszenario nachdem die Strapazen an den Zugtüren schon hinter den Reisenden liegen. Dutzende Personen, in überwiegender Mehrheit mit viel zu schwerem Gepäck beladen, erstürmen von beiden Seiten den Waggon. Dessen Gang ist viel zu eng, als dass zwei Figuren dieser Sorte an einander vorbeikommen würden. Hinter dem genormten Abstand zwischen den Sitzen der rechten und linken Zugseite steckt eine Formel aus Spurbreite, gesunder Körperfülle eines Menschen, Ästhetik und Finanzierbarkeit. Sowohl die durchschnittlichen Abmessungen eines Hartschalenkoffers als auch das mittlere Übergewicht des Zugehörigen zu einer Wohlstandesgesellschaft fanden keine Berücksichtigung.

Das ändert nichts daran, dass die Leute aneinander vorbei müssen. Sie versuchen das Problem mit „Lückenspringen“ zu bewältigen. „Ich rutsch’ mal schnell in diese Sitzreihe, dann können Sie vorbei!“ Der Gegenüber, an den dieses Angebot gerichtet ist, nickt dankbar. Seine Zufriedenheit wird jäh durch den Einwand seines Hintermanns getrübt, dass es genau diese Sitzreihe sei, in der sich der reservierte Platz des besagten Hintermanns befände. „Arrrrg!“ Rien ne va plus. Nichts geht mehr. Also doch aneinander vorbeiquetschen, Ellbogen in Rippen drücken und Bauch einziehen. Nicht vergessen, Böse Blicke auszusenden und über die Bahn zu fluchen!

Die Koffer tun ihr übriges. Denn selbst, wenn der angestrebte Platz erreicht ist, ist man noch lange nicht erlöst. Jetzt heißt es, das eigene Gepäck in der Gepäckablage unterzubringen. Hierbei ist es sinnvoll, Bankdrücken zu betreiben – mindestens semiprofessionell. Die Tasche oder der Koffer müssen schwungvoll über die Köpfe der Daruntersitzenden zielsicher in eine adäquate Lücke manövriert werden, ohne dabei selbst den Halt zu verlieren oder sich das Rückgrat oder Genick zu brechen – klingt nicht mal halb so gefährlich, wie es in Wirklichkeit ist. Und die ganze Zeit über verbleibt man als unüberwindbares Hindernis im Gang.

Mein persönliches Dilemma: Vor meiner Abreise habe ich einen neuen Schlüsselanhänger an meinen Rucksack gefummelt. Ein kleiner Fußball aus Stoff, der beim Draufdrücken einen Spruch von sich gibt. Als ich nun, eingequetscht zwischen Sitzreihen und Gepäckstücken, darauf wartete, dass mein Vordermann sich hinsetzt und endlich den Weg freigibt, da ertönte es plötzlich hinter mir: „Sag mal, ist das ’ne Zeitlupe oder läuft der wirklich so langsam?“. Alles voller Leute, gereizte Stimmung und dann dieser Spruch! Ich wurde schlagartig knallrot. Zum Glück verriet mich das nicht. Denn die anderen waren es ebenfalls – vor Wut!

Nur so viel: Ich bin nicht aufgeflogen, auch als dieser blöde Ball noch ein weiteres Mal ansprang. Irgendwann sitzen wir schließlich doch alle. Die meisten da, wo sie wollten. Wenn auch nicht in jedem Fall besonders glücklich. So hat meine Sitznachbarin auf der anderen Seite des Ganges immer noch zwei riesige Ungetüme von Koffern an ihrer Seite. Warum? Weil sie viel zu groß und schwer für die Ablage sind, selbst wenn da noch Platz wäre, was aber nicht der Fall ist. Müsste ich an ihr und ihren Koffern vorbei, so wie einige weitere Fahrgäste, ich würde ihr die gleichen bösen Blicke entgegen werfen. Aber ich sitze ja bereits und habe keinen Grund, mich aufzuregen. Stattdessen bedauere ich sie. Sie muss sich alle zwei Minuten entschuldigen und den Frust der Leute ertragen. Irgendwie gelingt es ihr, einen Koffer im Vorraum loszuwerden (Ob sie den irgendwann wiedersieht? Das kann man nicht mit Gewissheit sagen.), der andere steht weiterhin wie ein Felsen zwischen uns. Ich bedauere sie auch noch, als die Schaffnerin vorbeiläuft und sagt, der Koffer müsse weg. Hilflos schaut sich meine Sitznachbarin um – keine Chance! Wie zu vermuten war, gibt es auch jetzt keinen Platz. Aber am meisten bedauere ich sie, als der Snackwagen hinter uns auftaucht. Nun muss er doch weg, der Koffer. Was ist Glück? – Ein Snackwagen wird nicht wütend und beschimpft auch niemanden. Was ist Pech? – Er kann sich auch nicht dünner machen und eben sowenig Bockspringen. Ich hänge noch dem Gedanken nach, wie es wohl aussehen würde, wenn ein Snackwagen zum Absprung ansetzt, da sehe ich, wie die junge Frau den Koffer auf ihre Knie hievt. Ihr Gesicht verzerrt sich. Es verzerrt sich ins Unansehnliche als der Typ vom mobilen Snackkommando ihr unter die Nase kriecht und fragt, ob sie irgendetwas benötige. Sie verneint. Was sie braucht – einen koordinierten Zustieg zum Zug, mehr Platz auf dem Gang, mehr Gepäckablage – all das hat der aufdringliche Kerl, hat die Deutsche Bahn nicht im Angebot. Nicht mal zu unverschämt überhöhten Preisen.

Wenn ich in der Umfrage gefragt worden wäre, ob ich „notorischer DB-Kritiker aus Überzeugung“ oder „aus Erfahrung“ bin, ich hätte letzteres angeklickt. Aber: auch diese Frage nicht im Angebot.

(Veröffentlicht im Semesterspiegel Nr. 366)

zugZWANG #2

„Können Sie mich hören? Verstehen Sie mich? Hallo?“ Mit diesen Worten nervt der smarte Typ im Anzug mich und den Rest des Waggons jetzt schon seit fünf Minuten. Als ich vor einer halben Stunden in den Zug eingestiegen bin, habe ich begeistert zur Kenntnis genommen, dass weder quengelnde Kinder noch zu laut aufgedrehte Radios in meiner Hörweite sind. Die ungewöhnliche Ruhe versprach eine angenehme Zugfahrt. Zufrieden war ich auch mit meinem Sitznachbarn, der sich mir als ein sehr entspannter Geschäftsreisender präsentierte. Einer von der Sorte, die nicht alle zehn Minuten ein neues Stullenpaket auspacken, oder immer wieder am viel zu großen Koffer in der Gepäckablage rumfummeln.

Nun ist die ganze Euphorie dahin! Diagonal gegenüber sitzt der Anzugmensch mit dem Handyproblem. Jeder normale Mensch hätte schon längst aufgelegt und es später wieder versucht, aber ihm scheint es gar nicht um die Verbindung, sondern vielmehr um die Aufmerksamkeit zu gehen. Und derer kann er sich mittlerweile sicher sein. Soweit ich es beurteilen kann, rollen die Fahrgäste in meiner Nähe alle mit den Augen oder schütteln die Köpfe. Als Passagier des Großraumwagens hat man sich eigentlich etwas zurückhaltender und rücksichtvoller zu verhalten, denke ich gerade, als der Anzugmensch doch noch auflegt. Er sieht sein Telefon ganz entgeistert an. Vielleicht hat er sich in seinem Leben so sehr an die ständige Erreichbarkeit gewöhnt, dass er die Situation gar nicht fassen kann. Dabei ist es doch normal, dass die Bahn alle paar Kilometer ein Funkloch durchrollt. Hoffentlich fängt er nicht an zu weinen, aber da schrillt es schon aus seiner Richtung und er hängt bereits wieder am Hörer: „Ach, Sie waren eben weg. Na ja, die Bahn! Sie wissen schon.“ Also doch nichts Neues für ihn. Warum hat er dann so eine nervtötende Show abgezogen? Klar, jetzt wissen wir alle, wie wichtig und beschäftigt und unersetzbar er ist, aber ohne diese Erkenntnis hätten wir vermutlich auch weiterleben können.

Doch möglicherweise tut man den viel zu laut telefonierenden Menschen in Zügen auch Unrecht, wenn man ihnen ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom unterstellt. Vermutlich muss man einfach etwas lauter sprechen, um gegen die Nebengeräusche der rollenden Bahn anzukommen. Die Alternative, im Vorraum zu telefonieren, scheitert an dem noch viel höheren Lärmpegel. Und selbst wenn der Zug steht, halten einen die Dämpfe, die den Astronautentoiletten entfliehen, von einem allzu langen Aufenthalt dort ab. Also besser gar nicht telefonieren? Das verspricht stressfreier für die Mitfahrer und den Telefonisten selbst zu sein. Muss er doch nicht jedes Gespräch mit den Worten: „Hallo, wir könnten gleich unterbrochen werden!“ beginnen. Aber die Situation, nicht rund um die Uhr und an jedem Ort angerufen zu werden, hat sich wohl total aus unserer Vorstellungswelt verflüchtigt. Jedenfalls gilt das für eine Vielzahl von uns.

Der Anzugmensch ist schon wieder ganz hysterisch geworden: „Hallo? Hören Sie mich?“ Den anderen Fahrgästen wäre wahrscheinlich schon geholfen, würde sich dieser Typ nicht so penetrant in den Vordergrund fragen, denn auf diese Weise gelingt es ihm, sie aus ihren Nickerchen, Tagträumereien, Krimis und Illustrierten zu reißen. Ein älterer Mann auf dem Doppelsitz neben meinem Platz fasst sich schließlich ein Herz und ruft: „Danke, wir verstehen Sie sehr gut!“ Das sorgt für allgemeines Geschmunzel, aber der Anzugmensch, viel zu versunken in seine Wichtigtuerei, hat ihn leider nicht einmal gehört.

Als ich nach mehr als zwei Stunden endlich den Callcenter-Waggon verlasse und auf den Bahnsteig trete, habe ich nicht eine Seite meines Seminar-Readers gelesen und frage mich daraufhin, ob ich nicht beim nächsten Mal besser einen Platz im Abteilwagen reserviere. Doch ich denke gar nicht richtig darüber nach. Die Antwort steht längst fest: „Auf gar keinen Fall! Dort erlebt man doch nichts.“

(Veröffentlicht im Semesterspiegel Nr. 365)

zugZWANG #1

Wieder einmal Hamburg Hauptbahnhof – maaaiiinraaaiiilwaaayyystation -, wieder einmal eine halbe Stunde Aufenthalt. Der Anschlusszug kann nicht herangeschaut werden. Für ein Nickerchen ist es zu laut und unbequem. Die Augen bleiben also auf und sehen unausweichlich das heitere Schauspiel mit und von den Reisenden.

Die Errungenschaft dieser Stunde ist das allgemeine Rauchverbot im gesamten Bahnhofsgebäude. In Wirklichkeit wurde die Grauzone in eine Weiß- und eine Schwarzabteilung getrennt. Weiß ist überall dort, wo schwarz nicht ist. Schwarz, das sind durch Hinweisschilder separierte Bereiche, in denen das Paffen erlaubt ist. Die Bahn weicht dabei um keinen Millimeter von ihrer Designlinie ab: Alles muss luftig und frei sein – ein (Wind)Hauch von Reiselust auf jedem Quadratzentimeter. Deshalb also keine abgetrennten Räume oder Glaskästen für die Schwarzen. Ganz genauso hält sie es auch in den Zügen: Mit Schildern gekennzeichnete Bereiche für Raucher und Nichtraucher sind im Grunde doch ein großes Ganzes, getrennt nur durch eine unsichtbare Barriere aus Normen in der Mitte der Waggons. Der Raucher weiß, dass er rauchenderweise nicht in den weißen Bereich eindringen darf. Der Rauch weiß auch, kann aber nicht anders. Schlecht für die Weißen, die per Platzreservierung in die Nähe des schwarzen Bereiches gewiesen wurden. Aber zurück zum Bahnsteig.

Brav trotten die nach Entspannung durch Nikotin gierenden Leute zu den schwarzen Inseln. Noch bevor die Erlaubnisschilder, die mit ihrer Aufstellung Quadrate abstecken, passiert sind, wird nach Zigarettenschachtel und Feuerzeug geangelt. Im lässigen Wiegeschritt oder auch mal ganz hektisch wird der Glimmstängel angezündet und der erste Zug bahnt sich seinen Weg durch das Atmungssystem. Noch im Ausatmen wird mit den Augen ein ruhiges Plätzchen für die nächsten paar Minuten gesucht. Stehend oder sitzend – Hauptsache nicht dicht an dicht. Man sollte meinen, das gemeinsame Schicksal, das Gefühl vom Ausgestoßen-sein würde die Einzelpersonen auf irgend eine Art verbinden, sie zu einander aufgeschlossenen Leidensgenossen machen, die alsbald beginnen, einen Plan zu schmieden, um gegen die erfahrene Ungerechtigkeit aufzubegehren. Aber dem ist nicht so. Verstohlene Blicke nach links und rechts. Bald könnte man meinen, hier stünden Sündige, die sich ihrer Schuld zwar bewusst sind, aber einfach nicht auf den rechten Weg zurückfinden – schwarze Schafe eben, auf schwarzen Inseln.

impuls363

Illustration: Manuel Rodriguez

So geht es den ganzen Tag. Die Klientel wechselt, das Bild bleibt gleich. Und man ist kurz davor, die Beobachtung einzustellen und sich mit dem Erlebten zufrieden zu geben, sich dem Artikel mit den bis dato gesammelten Eindrücken zuzuwenden. Und dann kommt sie doch noch. Die von Selbstsicherheit gestählte Persönlichkeit, dich sich provokativ oder einfach nur ignorant direkt vor dem Quadrat auf einer Bank platziert und dabei nun doch wieder ein grau aus weiß und schwarz mischt. Ihr reicht es, den weiten Weg zu der schwarzen Insel gegangen zu sein, auch ohne sich nun auf ihr mit den anderen zu drängen. In den Augen blitzt die Vorfreude auf einen erzürnten überzeugten Nichtraucher auf, mit dem man sich in einen heftigen Schlagabtausch stürzen kann. Hier wartet ein Kämpfer-Charakter auf die nächste Schlacht, die mit den Waffen eines arroganten Arschlochs zwar zu gewinnen ist, die aber nichts daran ändert, dass der Krieg verloren ist. Auch weil die Verbündeten eben diese Stärken nicht besitzen. Vielleicht aber auch, weil die arroganten Arschlöcher sich dann nicht mehr aus der Masse herausheben würden. Und das ist ihnen „Weiß Gott!“ wichtiger, als die uneingeschränkte Rauchfreiheit.

(Veröffentlicht im Semesterspiegel Nr. 363)

Glosse: „Wir haben die Wahl“

(Veröffentlicht in der ImPuls #9)

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